Radtourismus – der Sieg der Langsamkeit

Neben pompösen Fernreiseflügen hat sich in den letzten Jahren ganz leise am Rand ein anderer, durchaus mächtiger Trend etabliert: Reisen und Urlaub mit dem Fahrrad. Gemütlich durch wunderschöne Landschaften pendeln, jeden Tag ein neues kleines Stück der Strecke erkunden – und voll auskosten. Die freiwillig gewählte Langsamkeit der Radtouren steht dabei für viele im gewollten und notwendigen Gegensatz zum hektischen und immer schneller werdenden Alltagsleben.

Für viele der Radwander-Begeisterten spielt auch Einfachheit eine wichtige Rolle in ihrem Urlaub – bescheidene, einfache, aber gemütliche Quartiere, bei manchen auch einfach nur ein Zelt. So kommt dann manchmal bei den Radtouren sogar ein bisschen Abenteuer-Feeling auf, wenn der nächtliche Sturm an den Zeltwänden rüttelt, bevor es dann frühmorgens wieder aufklart.

Einen besonderen Aufschwung haben in den letzten Jahren auch die schon uralten Pilgerstrecken als bevorzugte Radwanderstrecken und Ziele für Radtouren erlebt – wie beispielsweise Teile des bekannten Jakobswegs, der auf weiten Strecken auch durch Deutschland führt. An Quartieren und vor allem an Gastlichkeit entlang der Routen herrscht dabei kein Mangel. Besonders beliebt bei deutschen Radwanderern ist dabei der Streckenabschnitt, der durch weite Teile Rheinhessens führt. Bei weitem aber nicht die einzige – in so gut wie allen Gegenden Deutschlands sind auch geführte Radtouren für den kommenden Sommer im Angebot, der Katalog des ADFC, des deutschen Fahrradclubs, enthält für 2012 insgesamt 105 geführte Radtouren in allen Gegenden des Landes.

Doch so naturnah Radtouren auch sein mögen – modern und zeitgemäß will der Sport ausgeübt werden. Sportlernahrung hält den Fahrer fit hält den Fahrer fit; bei Blessuren kauft man günstige Medikamente preiswert online; und auch die technische Seite des Radelns hat sich verändert. Seit der gestiegenen Nachfrage nach Elektrofahrrädern finden diese auch im Fahrradtourismus immer mehr Verwendung – Hügel und Berge bedeuten damit kein schweißtreibendes Hindernis mehr, und selbst ständiger Gegenwind bei Radtouren kann einem auch kaum mehr etwas anhaben. Besonders interessant ist die eigentlich sehr plötzlich einsetzende Nachfrage nach den „Exoten“ unter den Fahrrädern: Liegeräder und vor allem Liegetrikes haben in den letzten beiden Jahren ein nie zuvor gekanntes Interesse erfahren. „Immer mehr Menschen bekunden plötzlich Interesse an Liegerädern – wegen der sehr viel entspannteren und windschlüpfrigeren Fahrweise als mit klassischen Rädern, das bedeutet ein ganz anderes, komfortables Fahrerlebnis“, weiß Daniel Pulvermüller, Chef und Gründer der deutschen Liegeradmanufaktur HP Velotechnik.

Bemerkenswert ist auch, wie viele Fernreisen als geführte radtouristische Reiseformen angeboten werden – man kann quer durch Zypern, Griechenland und Italien radeln, oder sogar auf geführten Radtouren durch Kambodscha und Vietnam. Versprochen werden dabei ein viel intensiveres Kennenlernen des jeweiligen Landes, seiner Menschen und seiner Kultur – und ein viel intensiveres Naturerlebnis mit diesen Radtouren, als bei anderen Reiseformen.

Zumindest hier scheint einmal ganz einfach die beschauliche Langsamkeit den Sieg über die stete Beschleunigung des Lebens davongetragen zu haben.